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Kreuzchen nicht nur fürs Papier gemacht

17.09.2021 06:35:52 | Nicole Jansen

Bundestagswahlen für Jugendliche: Auch noch nicht wahlberechtigte Menschen sollen zum Wählen ermuntert werden.

VON HEINER SCHEPP

MONSCHAU „Du musst in jede der beiden Reihen ein Kreuz machen, dann den Wahlschein einmal falten und da vorne in die Urne werfen“, erklären Malika Hursel und ihre Klassenkameradinnen an diesem Morgen einige Dutzend Male. Schließlich muss alles seine Richtigkeit haben bei der Juniorwahl anlässlich der Bundestagswahl 2021. Denn wie bei der großen Wahl gilt auch hier: Jede Stimme zählt!

Als Eva Hafer, Klassenlehrerin der 9a an der Mädchenrealschule in Monschau, vor einigen Wochen fragte, wer denn Lust habe, im Wahlvorstand für die Juniorwahl aktiv zu werden, meldete sich die halbe Klasse. „Ich glaube, dass viele junge Menschen gerne mitreden möchten, wenn es um ihre Zukunft geht“, sagt Julia Harth (14) aus Kalterherberg, bei der das Interesse für politische Themen aber nicht erst mit der Bundestagswahl geweckt wurde. „Ich informiere mich schon viel – im Internet, im Fernsehen oder im Gespräch mit meinen Eltern“, erzählt die Schülerin. Aufmerksam hat sie beispielsweise im November auch den US-Wahlkampf oder die jüngsten Ereignisse in Afghanistan verfolgt.

Meinung äußern

Die Juniorwahl an ihrer Schule gibt Julia nun die Möglichkeit, ein Stück weit ihre Meinung zu Parteien, Kandidaten und Themen zu äußern. Denn auch wenn die Stimmen der Wahl für Schülerinnen und Schüler nicht zum Ergebnis der Bundestagswahl am 26. September hinzugerechnet werden, so wird „das Ergebnis doch bei den Politikerinnen und Politikern ankommen“, ist Julia überzeugt.

„Politische Bildung ist heute wichtiger denn je. Demokratiefeindliche Tendenzen, politische Gleichgültigkeit, das Misstrauen gegenüber politischen Akteuren und die fehlende Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, stellen Herausforderungen für parlamentarische Demokratien dar.“

Ralf Pauli, Jugendpfleger

Ehe sie am Mittwoch, dem Wahltag an St. Ursula, ihre beiden Kreuzchen machte, hat auch Lea Hülsmann (14) aus Imgenbroich in der Schule eine Menge über die Wahlen erfahren. „Wir haben im Politikunterricht darüber gesprochen und konnten uns auf einem großen Flyer, der extra auf junge Leute zugeschnitten war, informieren“, berichtet sie. Und Kira Thoma (14), ebenfalls aus Kalterherberg, versichert: „Natürlich schaut man sich auch die Sprüche auf den Wahlplakaten genauer an.“ Das Äußere oder das Alter der Kandidatinnen und Kandidaten habe bei ihrer Entscheidung aber keine Rolle gespielt. „Da geht es mehr um Themen, zum Beispiel Umwelt oder Bildung“, sagen die drei Schülerinnen übereinstimmend.

Die Juniorwahl ist Deutschlands größtes Schulprojekt zur politischen Bildung. Seit 1999 wurde es bundesweit bei vier Europawahlen, fünf Bundestagswahlen und 53 Landtagswahlen organisiert, wobei bislang 3,8 Millionen Schülerinnen und Schüler teilnahmen. Träger ist der gemeinnützige und überparteiliche Verein Kumulus.

Didaktisches Konzept

Die Juniorwahl ist in ein didaktisches Konzept gefasst, das auf zwei Säulen basiert: Die erste Säule umfasst die intensive unterrichtliche Vorbereitung, die die Lehrkräfte selbst in ihren Klassen mit dem zur Verfügung gestellten Unterrichtsmaterial gestalten. Die zweite Säule und den Höhepunkt des Projektes stellt der Wahlakt dar. Organisiert wird er mit Unterstützung der Lehrkräfte von den Schülerinnen und Schülern selbst, denn sie bilden einen Wahlvorstand, führen ein Wählerverzeichnis und erhalten Wahlbenachrichtigungen und Wahlkabinen und -urnen. Ihre Stimme können die Jugendlichen der Klassen 7 bis 12 dann bei einer klassischen, realitätsgetreuen Wahl abgeben; an der St.-Ursula-Schule waren die Klassen 8 bis 10 zur Wahl aufgefordert. Zur Wahl standen diejenigen Politikerinnen und Politiker, die im Wahlkreis der Schule auch öffentlich kandidieren sowie für die Zweitstimme alle für den Bundestag antretenden Parteien. Die U18-Wahl hingegen möchte nur ein generelles Stimmungsbild unter den Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen und Berufskollegs einfangen. „Deshalb gibt es auf diesem Wahlschein auch keine Erst- und Zweitstimme, weil das für viele Jugendliche zu verwirrend wäre“, glaubt Lara Meyer von der Mobilen Jugendarbeit der Städteregion. Gemeinsam mit Jugendpfleger Ralf Pauli und Teammitglied Helena Straub ist sie diese Woche in der Nordeifel unterwegs, um Stimmzettel einzusammeln und junge Menschen zur Teilnahme an der U18-Wahl zu animieren. Das geschieht aber nicht nur an den Schulen, sondern auch an beliebten Treffs junger Menschen in Monschau, Simmerath und Roetgen. Unter anderem standen und stehen das Jugendcafé, der Rathaus-Pavillon und der Bushof in Simmerath, der Skaterplatz und der Waggon in Lammersdorf, der Platz an der Kirche in Rott und der Roetgener Rathausplatz sowie am Donnerstag das Himo in Imgenbroich, der Pumptrack in Kalterherberg und der Rursee auf dem Fahrplan. Ebenfalls am Mittwoch und Donnerstag wurden die vielen Stimmzettel an der Sekundarschule und am Berufskolleg in Simmerath sowie an der Förderschule in Eicherscheid abgeholt.

Die über 70-Jährigen

„Politische Bildung ist heute wichtiger denn je. Demokratiefeindliche Tendenzen, politische Gleichgültigkeit, das Misstrauen gegenüber politischen Akteuren und die fehlende Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, stellen Herausforderungen für parlamentarische Demokratien dar“, sagt Ralf Pauli und wirbt für die U18-Wahl und die Juniorwahl gleichermaßen: „In einer Zeit, in der die über 70-jährigen die größte Gruppe der Wahlberechtigten zu Bundestagswahlen stellen und die Parteien Schwierigkeiten bei der Mobilisierung von Nachwuchs haben, ist es besonders wichtig, Jugendliche für politische Themen zu begeistern, ihnen Gehör zu verschaffen und sie in ihren Belangen ernst zu nehmen.“

Nun blicken alle Beteiligten mit Spannung auf den kommenden Freitag, wenn die Ergebnisse der Wahlen veröffentlicht werden sollen. Was sie gewählt haben, lassen sich die Juniorwählerinnen und -wähler natürlich nicht entlocken. „Das ist Wahlgeheimnis“, sagt Julia Harth augenzwinkernd, verrät dann aber doch: „Ich kann nur sagen, welche Partei ich auf keinen Fall gewählt habe und wählen werde, das ist die AfD.“