Login

Judith, Jerzy und das Lied vom Leben

01.02.2019 07:27:25 | Nicole Jansen

Judith, Jerzy und das Lied vom Leben

Lesung zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Texte, Musik und Bilder lassen Schüler das Unvorstellbare erahnen.

Monschau Die Technik mochte an diesem Morgen nicht so recht mitspielen, doch das tat dem Tiefgang dieser ganz besonderen Schulstunde keinen Abbruch: Aus Anlass des jährlichen Holocaust-Gedenktages (27. Januar) las die Autorin Angela Krumpen am vergangenen Freitag rund 90 Zehntklässlerinnen der St.-Ursula-Schule aus ihrem Buch „Spiel mir das Lied vom Leben“ vor und hatte dazu zwei musikalische Gäste mitgebracht.

Das Buch von Angela Krumpen erzählt aus zwei Perspektiven die wahre Geschichte einer bezaubernden und kostbaren Freundschaft zwischen der elfjährigen, hochbegabten Geigerin Judith und dem polnischen Juden Jerzy, dem letzten Überlebenden von Schindlers Liste in Deutschland. Jerzy verstarb leider im Jahr 2012 im Alter von 82 Jahren, doch Judith Stapf, mittlerweile 21 Jahre jung, begleitet die Buchautorin bis heute regelmäßig zu musikalischen Lesungen.

 

Judith lernt Jerzy Gross kennen

So auch nach Monschau. Mit berührenden Klängen eröffnete die hochtalentierte Profigeigerin unter Klavierbegleitung ihres Vaters Wolfgang Klein-Richter die Lesung und berichtete anschließend, wie es zur Freundschaft mit Jerzy und seiner Lebensgeschichte gekommen war. „Als ich zehn Jahre alt war“, begann Judith Stapf, „habe ich im Internet nach Videos meines Lieblingsgeigers Itzhak Perlman gesucht und bin dabei auf die Titelmelodie des Spielberg-Films ‚Schindlers Liste‘ gestoßen. Die Musik weckte mein Interesse an der Geschichte dahinter. Also habe ich angefangen zu recherchieren und meine Eltern mit Fragen zu löchern. Über eine Bekannte meiner Mutter ergab sich dann die Möglichkeit, Jerzy Gross kennenzulernen. Er hatte während des Holocausts bei Oskar Schindler gearbeitet und war so der Ermordung im Vernichtungslager entgangen. Auch er war Violinist und stimmte daher einem Treffen zu. So wurden wir Freunde. 2010 habe ich ihn auf eine Reise nach Polen begleitet, zu den Stationen seines Leidensweges“, berichtete die 21-Jährige.

Krakauer Ghetto und KZ Plaszow

Diesen Leidensweg zeichnete Angela Krumpen mit Auszügen aus ihrem Buch auch an diesem Morgen an der St.-Ursula-Schule nach: Ohne Pathos, aber mit eindringlichen Details aus der Jugend von Jerzy Gross im Krakauer Ghetto und später im KZ Plaszow ließ die dramaturgische Lesung mit wechselnden Elementen wie Lesen, Musik und historischen Fotos das Unvorstellbare erahnen. Alleine die kurzen Video-Sequenzen, in denen die Schülerinnen Jerzy Gross gleichsam persönlich kennenlernen sollten, mochten an diesem Morgen nicht auf der Leinwand flimmern, doch Angela Krumpen, Judith Stapf und ihr Vater überspielten dies gekonnt mit Musik und Worten.

Die ganze Familie verloren

Jerzy Gross, der zuletzt in Köln lebte und seinen Namen Mitte der 1990er Jahre in „Michael Emge“ ändern ließ, um erneuten antisemitischen Schmähungen zu entgehen, war selbst ein vielversprechender junger Geiger, bevor er mit seiner Familie ins KZ kam. Seine Mutter arbeitete in Oskar Schindlers Fabrik, daher stand die Familie auf der berühmten Liste. „Er hat seine ganze Familie – Vater, Mutter, Bruder und 62 weitere Familienmitglieder – verloren. Ermordet. Alle. Bei seiner Befreiung war der Junge 15 Jahre alt und wog 27 Kilo“, erzählte Angela Krumpen den sehr aufmerksamen und sichtlich bewegten Schülerinnen. „Jerzy überlebte im Gegensatz zu seiner Familie. Hauptsächlich deshalb, weil er zum Pfleger des Schäferhundes ‚Rex’ avancierte. Er musste seinen Weg ins Leben finden, irgendwie. Und hat sich oft gefragt, wozu er das alles überlebt hat“, schreibt Angela Krumpen in ihrem bewegenden Buch „Spiel mir das Lied vom Leben – Judith und der Junge von Schindlers Liste.“

Judith Stapf wurde durch die Filmmusik und den Trailer zu Steven Spielbergs Oscar-gekröntem Film „Schindlers Liste“ für die Grausamkeiten des Holocausts sensibilisiert. Das ist jetzt fast zehn Jahre her, „doch das Thema ist heute aktueller denn je“, stellte Judith Stapf fest. Sie erzählte den Schülerinnen vom Besuch der jüdischen Zeitzeugin Ilse Knobloch vergangene Woche im bayerischen Landtag, wo die dortige AfD-Fraktion auf ihre eigene Art auf die emotionale Rede reagiert hatte: Als die Rednerin die AfD als Partei bezeichnete, die die Nazi-Verbrechen verharmlose, verließen Abgeordnete der AfD den Plenarsaal. „Wir erleben heute eine neue Qualität im Umgang mit der Vergangenheit“, bedauerte Judith Stapf, und auch Angela Krumpen mahnte: „Wir alle dürfen nicht die Momente des Widerstands verpassen, sonst überrollt die Lawine des Schwarz oder Weiß, des Hasses und der Ausgrenzung uns alle“, gab sie den Schülerinnen mit auf den Weg.

Am Abend dann zog Angela Krumpen auch die Zuhörer einer Abendveranstaltung in der Evangelischen Stadtkirche Monschau mit der Lesung in ihren Bann. Da Judith Stapf aufgrund anderer Verpflichtungen nach Berlin hatte zurückreisen müssen, erklang zu Sequenzen aus „Spiel mir das Lied vom Leben“ einfühlsame Musik der Weimbs-Orgel.

31.01.2019 / Eifeler Nachrichten / Seite 19 / LOKALES

https://www.youtube.com/channel/UC2hUHCM1Wk1P-RN_cZ5exUg