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09.01.2017 20:07:08 | Nicole Jansen

Plädoyer für Bildung am Herd

Der neue Ernährungsreport belegt: Die Deutschen wollen lecker und gesund essen. Aber wie nur? In der Schule könnten die Grundlagen für gutes Kochen vermittelt werden, findet der zuständige Minister.

 

Berlin. Diese Zahl musste der Bundesminister dann doch noch verkünden, der Punkt habe ihn eben beeindruckt, sagt Christian Schmidt. Genau 75 Prozent der Deutschen in den alten und in den neuen Bundesländern kochten gerne. „Wir haben die Einheit im Kochen erreicht!“, ruft der CSU-Politiker mit einem Lächeln, er hebt immer wieder die Hand dazu, gespielt feierlich. „Ich finde das ist eine Erwähnung wert!“

Zum zweiten Mal schon präsentiert der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft seinen Ernährungsreport. Die Umfrage dreht sich um das Essverhalten der Deutschen. Dem im 18. und 19. Jahrhundert wirkenden französischen Gastrokritiker Jean Anthelme Brillat-Savarin wird der Satz zugeschrieben: „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.“ Schmidt nennt seine Studie gestern einen „Spiegel unserer Gesellschaft“.

Aber wie und was isst Deutschland also? Immer noch am liebsten Fleisch. 53 Prozent haben am liebsten ein Fleischgericht auf dem Teller. Rouladen (8 Prozent) sind den Deutschen am liebsten, noch vor Schnitzel oder Schweinebraten (jeweils 7 Prozent). Auch Pizza (13 Prozent) und Pastagerichte (38 Prozent) gehören auf die Hitliste der Gerichte.

Die Deutschen achten angeblich beim Einkauf mehr auf den Geschmack als auf den Preis, nehmen Essen lieber mit ins Büro als in die Kantine zu gehen, sie wünschen sich bessere Bedingungen in der Tierhaltung. „Essen ist weit mehr als eine bloße Nahrungsaufnahme“, sagt Schmidt. „Es gehört zum kulturellen und sozialen Wir-Gefühl, es steht für Heimat und Gesundheit.“ Doch nehmen sich immer weniger Menschen Zeit dafür. In deutschen Küchen wird seltener gekocht. Stattdessen greifen die Verbraucher zu Fertigkost. Mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) legt inzwischen Wert auf eine einfache und schnelle Zubereitung des Essens. „Die Leute haben entweder nicht mehr die Zeit oder sind nicht mehr bereit, so viel Zeit zu investieren“, sagt Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Die eigene Zubereitung von Speisen werde mehr und mehr verdrängt - oder ins Wochenende verlagert. Dabei kochen die Deutschen mehrheitlich nach wie vor gern. „Das ist ein gewisser Widerspruch“, sagt auch Forsa-Chef Manfred Güllner. „Man muss gucken, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt.“

Also alles Tütensuppe und Tiefkühlpizza? Nein. Gerade die 14- bis 18-Jährigen stehen von allen Altersklassen am liebsten am Herd und kochen. „Diese Begeisterung gilt es, mit Schulküchen und systematischen Unterrichtskonzepten aufzugreifen,“ fordert der Minister.

Richtige Ernährung ist laut Report spätestens dann, wenn Kita und Schule ins Spiel kommen, nicht nur eine Frage der Erziehung. Für 89 Prozent der Bundesbürger ist Ernährungsunterricht so wichtig wie Mathe, Deutsch und Englisch.

Ein paar Ergebnisse des Reports im Überblick

Wessis naschen mehr: Menschen in Westdeutschland greifen häufiger täglich zu Süßigkeiten (23 Prozent) als Ostdeutsche (11 Prozent).

Ältere trinken mehr Kaffee: Je älter die Deutschen sind, desto häufiger trinken sie täglich Tee oder Kaffee – bei den über 60-Jährigen etwa 97 Prozent.

Veganes Essen ist nicht nur ein Modetrend: 71 Prozent der Befragten halten vegane Lebensmittel langfristig für relevant.

Mit der Brotbox ins Büro: 57 Prozent der Erwerbstätigen, Schüler oder Studenten bringen sich täglich oder sehr häufig für die Mittagspause Essen von zu Hause mit. Nur jeder Fünfte geht häufig in die Kantine. Knapp ein Fünftel lässt die Mittagspause sogar ganz ausfallen.

Weg mit der Wegwerfgesellschaft: Ein Mindesthaltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln, die – wie etwa Salz –gar nicht verderben können, finden neun von zehn Befragten (89 Prozent) verzichtbar. Nur jeder Zwanzigste entsorgt abgelaufene Lebensmittel sofort.

Ein Tüv für das Kita-Essen: Neun von zehn Deutschen wünschen sich verbindliche Qualitätsstandards für Essen in Kitas und Schulen. 80 Prozent finden, dass Schulessen steuerlich begünstigt werden sollte.